Laudatio von Matthias Kuhn

Meszmer/Müller sind nicht ganz einfach einzuordnen. Sie malen und zeichnen und fotografieren und konstruieren, dass heisst schreinern und bauen, und schreiben auch für ihre «Encyclopaedie der unbestimmten Einzelheiten», dann konzipieren sie Ausstellungen und Veranstaltungsprogramme, wie «Eine Geografie des Unerklärlichen» (Projektraum exex, 2006) oder «Deconstructing Eden» (Projektraum exex, 2007) und für ihr wohl ausuferndstes, und mittlerweile auch bekanntestes Projekt, den «Zeitgarten», befassen sie sich mit den Wissenschaften und gründen in Pfyn, ihrem Wohnort, auch gleich das passende Museum. Alex Meszmer und Reto Müller sind Künstler, denen man mit den gängigen Begriffen nicht beikommt. Sehr zeitgemäss und gewandt bewegen sie sich zwischen den Disziplinen. Die Medien, Werkzeuge und Plattformen wählen sie von Fall zu Fall projekt- und ortsspezifisch. So sind ihre Konzepte und Projekte immer massgeschneidert und kontextuell präzis eingepasst.
 
Diese künstlerische Haltung führt direkt zum Projekt «Zeitgarten» und dem dazu gehörigen «Transitorischen Museum zu Pfyn». Der «Zeitgarten» ist eine Kommunikations- und Sammelstelle für die Geschichte und die Geschichten Pfyns. Das heisst natürlich, dass es in diesem Projekt zuallererst um Menschen und ihre Erinnerungen geht, denn Geschichte lebt nur mit den Menschen, die sie erleben. Geschichte lebt in erzählten Geschichten, Geschichten wiederum konstituieren Geschichte, wann immer erzählt und zugehört wird. Dieses Verständnis von Geschichtsschreibung und eigentlich von Welt überhaupt, ist die Grundlage des künstlerischen Archivs von Meszmer/Müller … Und es steht dahinter die ganz und gar wahnwitzige Idee, aller Geschichten und Themen, aller Zustände und Stimmungen habhaft zu werden, die einen Ort, in diesem Fall Pfyn, bestimmen, in allen tausend und abertausend Facetten, die sie ausmachen.
 
Die so entstehende Sammlung manifestiert sich als digitales Archiv im Internet unter zeitgarten.ch und versammelt diverses Text- und Bildmaterial zur alternativen Geschichtsschreibung der Gemeinde, denn der «Zeitgarten» versteht Geschichte eben nicht als ein Kontinuum aus Daten und Taten, wie es uns immer noch viele Geschichtsbücher glauben machen wollen. Geschichte ist wesentlich komplexer und sehr viel literarischer als wir das aus den Büchern wissen. Geschichte entsteht in einer Dichte von Fakten und Fiktionen, von Artefakten und Visionen, von Erzähltem und also Gehörtem, von Erlebtem und Erträumtem, von Vergangenem, Gegenwärtigem und natürlich Zukünftigem; Geschichte ist immer subjektiv und veränderbar und nie und nimmer abschliessbar.
 
Das «Transitorische Museum zu Pfyn» als vorübergehendes, temporäres Museum, das sich als Plattform für die Auseinandersetzung mit Themen wie Zeitgeschichte, Philosophie, Kunst und Wissenschaft versteht und die Vernetzung Pfyns, nicht zuletzt und in Zukunft verstärkt auch mit den Plattformen zeitgenössischer Kunst, vorantreibt, steht in inhaltlich engem Zusammenhang mit dem «Zeitgarten». Letztlich sind die beiden Projekte eine einzige, grossangelegte Erzählung. Diese spricht abschweifend vom Leben auf dem Land, von früher wie von heute, von den Menschen, alten und jungen, von der Umgebung, der Natur und der Entwicklung des Dorfes im Laufe der Geschichte, von den grossen Ereignissen und vom Alltag, von Wichtigen also und von Unwichtigem … und bezieht – und das ist in der Tat bemerkenswert – nebenbei ganz zwanglos die gesamte Pfyner Bevölkerung, von den Schulkindern bis zu den Seniorinnen und Senioren mit ein.
 
Dafür und für die Weiterentwicklung dieser Projekte erhalten Alex Meszmer und Reto Müller heute einen Förderbeitrag des Kantons Thurgau. Herzliche Gratulation.

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