Rede zum Einzug der Pfahlbauer am 25.7.2007

Guten Abend meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
„Was ist denn schon das Leben? Die Zukunft ist noch nicht da, und man kann nicht voraussehen, was sie bringen wird. Die Gegenwart ist nur ein Augenblick und die Vergangenheit eine lange Geschichte. Wer keine Geschichten erzählt und keine Geschichten hört, lebt nur für diesen Augenblick, und das ist nicht genug.“
 
sagt Reb Falik zu Naftali dem Geschichtenerzähler in der gleichnamigen Erzählung von Isaac Bashevi Singer, als dieser nach einem langen Leben des Umherziehens, Geschichten Sammelns und Erzählens plötzlich erkennt, dass er ganz alleine auf der Welt ist. Seine Eltern und Verwandten sind gestorben und die früheren Freunde sind ihm fremd geworden in all den Jahren des Umherziehens. Er lässt sich auf einer Wiese unter einer Eiche nieder und gerät ins philosophieren:
 
„Er beneidete die Eiche, weil sie so lange an einem Platz stehen durfte und so tief in Gottes Erde verwurzelt war. Zum ersten Mal in seinem Leben sehnte er sich danach, sich an einem Ort niederzulassen.“
 
So ähnlich war mir zu Mute, als ich vor zwei ein halb Jahren zum ersten Mal nach Pfyn kam. Dass dieser Ort einmal Thema eines unserer Kunstprojekte werden wird, war mir damals allerdings noch nicht klar.
 
Menschen, die in einem Dorf leben, scheinen immer schon dort gewesen zu sein. Man traut Ihnen das unterwegs sein eigentlich nicht zu. Die grossen Entwicklungen der Menschheit müssen in einer Stadt passieren. Isaac B. Singer schreibt dazu:
 
„Könige führten Kriege, Wissenschaftler machten alle möglichen Entdeckungen und Erfindungen. Astronomen entdeckten Sterne, Planeten und Kometen. Archäologen gruben Ruinen antiker Städte aus. Chemiker entdeckten neue Elemente. In allen Ländern verlegte man Eisenbahnschienen. Man baute Museen, Bibliotheken und Theater. Historiker entschlüsselten Schriftstücke aus vergangenen Zeiten. Schriftsteller in aller Welt beschrieben das Leben und die Menschen, unter denen sie weilten. Die Menschheit konnte und würde ihre Vergangenheit nicht vergessen. Die Geschichte der Welt wurde immer reicher an Einzelheiten.“
 
Geschichte wird von den „Grossen“ geschrieben, den „Wichtigen“. Schlachten und Lebensdaten von Königen wie „333 bei Issos Keilerei“ oder „753 und Rom schlüpft aus dem Ei“ halten wir für Geschichte. Das Leben des einfachen Volkes wird nur selten dokumentiert und so war Urs Leuzinger von Anfang an begeistert, als wir mit der Idee anklopften, eine Kunstprojekt zu Geschichte und Geschichten der Gemeinde Pfyn anzustreben.
 
Auch wenn Urs Leuzinger das Wort Geschichte von den Erd- und Gesteinsschichten herleitet, beziehen wir uns als Künstler auf Geschichten und das Erzählen. Kultur beginnt an einem Lagerfeuer mit den Berichten von grossen Taten, Ahnen oder alltäglichen Erfahrungen. Oder wie Graham Swift in seinem Roman „Waterland“ schreibt: „Der Mensch aber […] ist das Tier, das Geschichten erzählt.“
 
Mit unserem Projekt zeitgarten.ch haben wir vor etwa anderthalb Jahren begonnen Geschichten und Geschichte der Gemeinde Pfyn zu sammeln und diese Lebens- und Schicksalsgemeinschaft „Dorf“ zu untersuchen.
Mit dem Stationenweg zu Geschichte und Geschichten der Ortschaft Pfyn, der zugleich die erste Etappe des „Transitorischen Museum zu Pfyn“ ist, legen wir das erste Ergebnis unserer Arbeit vor: An 10 Stellen (inklusive der beiden bereits vorhandenen Schilder des Amtes für Archäologie) wurden Emaille-Schilder angebracht, die sich mit Bildern und Texten Geschichten erzählen. Ein Flyer wird als „Führer“ eingesetzt, der vor allem den Bereich historische Informationen zu den Stationen rund um das Städtli abdeckt und mit den Gegebenheiten vor Ort einen Eindruck von der Vielfalt und Schönheit des Ortes und seiner Geschichte – nach der Steinzeit! – vermittelt.
 
Das Städtli und die Reste des römischen Kastells, die Kirche, Die Vigogne – Spinnerei, Thur, Thurtal und die Brücke, Schule und Schloss, Mühle und das Dorf mit seinen Gasthäusern an der Strasse werden so zu Etappen eines Geschichtsspaziergangs, der Geschichte jetzt erleben lässt.
 
Der Flyer ist im zeitgarten.ch im Städtli 7 erhältlich und einmal täglich bieten wir eine Führung über den Stationenweg an.
 
Im Rahmen des Stationenweges haben wir vier Postkarten mit historischen Motiven aufgelegt und neu gibt es auch für Sammler eine Edition zu erwerben:
„Scherben von Pfyn“ versehen mit einem Zertifikat nach den Vorgaben des Amtes für Archäologie Thurgau. Wir betonen allerdings, dass es sich nicht um archäologische Objekte handelt, sondern um Archäologie für die Zukunft.
 
Am 5. und 6.Oktober wird die Gründungszeremonie des Transitorischen Museums zu Pfyn in der Trotte stattfinden. Mit einem zweitägigen Programm wird die Einweihung gefeiert werden; Einzelheiten werden noch nicht verraten, allerdings lohnt es sich sicher den Termin zu notieren!
Ich möchte meine Rede mit einem Kürzestzitat aus dem Jubiläumsgedicht zur Pensionierung des Lehrers Pupikofer im Jahre 1905 enden:
So lasset uns alle in guten Dingen
noch fröhlich diesen Tag verbringen!
 

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