Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg

Oft möchte man an dieser Wahrheit zweifeln, wenn man sich in einer schwierigen Lebenslage befindet und nirgends ein Türchen offen scheint. Aber heisst es denn umsonst so zuversichtlich: „Da ist auch ein Weg“? Nein! Dem Willensstarken wird sich immer ein Weg zeigen, freilich oft ein schwerer, aber einer der zum Ziele führen kann. Es gilt blos, diesen Weg sehen zu wollen – und ihn zu gehen.
Wir haben ja in der Vergangenheit, wie auch in der Gegenwart, viele Beispiele an denen sich diese Lebensweisheit bewahrheitet hat. Wenn wir nur an Erfinder, Forscher oder Reformer denken.

Wo wären die Wunderwerke der heutigen Kultur und Technik, wenn nicht Menschen alles daran gesetzt hätten, ihre Ideen zu verwirklichen. Sie hatten es wahrlich nicht leicht, denn die Welt ist nun einmal gegen alles Neue misstrauisch. Da galt es denn, trotz Verkennung, Misserfolg und Verfolgung, mit der ganzen Kraft eines ungebrochenen Willens standzuhalten. Wenn dann die Werke solcher Willensnaturen die Feuerprobe bestanden hatten, dann erst wurden sie anerkannt und geschätzt.

„Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.“, das gilt aber nicht nur für die Grossen und Hervorragenden der menschlichen Gesellschaft. Auch im Alltag, im Bekanntenkreis und in der Familie kann nach diesem Grundsatz gelebt werden. Ein Mensch, der nicht nur weiss was er will, sondern seine Entschlüsse auch in die Tat umsetzt, wird immer einen guten Eindruck machen. Wie bemühend ist es dagegen, mit einem Menschen zu verkehren, der nicht zuverlässig ist, bei dem es immer nur beim Wort bleibt. Wer einem Verein angehört, kann sicher die Erfahrung machen, dass einzelne Mitglieder sich nie zur Zeit einfinden. Sie haben jedesmal eine andere Entschuldigung, denken aber nicht daran, dass sie sich mit ihren Ausflüchten blos stellen. Eine solche Gewohnheit beweist doch einen grossen Mangel an Energie.

Solches „sich Gehenlassen“ erschwert ein geselliges Leben sehr, und in einem engen Kreise kann das Leben mit einem solchen Menschen zu einer Qual werden.

Es sind sehr oft hochbegabte Menschen, die während ihres ganzen Lebens nichts Tüchtiges leisten, weil sie sich selten zu einer Willenshandlung aufraffen können.

Willensschwache Menschen haben oft eine umsichtige Erziehung genossen. Es kann zwar diese Schwäche auch angeboren sein, das schliesst aber nicht aus, dass unter guter Führung und Erziehung ein schwacher Wille zu einem gesunden, starken sich entwickeln könne. Wenn das erreicht wird, ist viel gewonnen, denn:

Ich muss! Das wirkt wie Hammerschlag
Und trifft so schwer und schrill.
Doch mächt’ger wirket Tag um Tag
Das kleine Wort: Ich will!

(Rud. Kelterborn)

(Aus: Deutsche Aufsätze von F.Keller)