Rückblick und Ausblick

Strahlendes Frühlingswetter wie heute, war es, als ich mich vor einem Jahre entschloss, den thurgauischen Arbeistlehrerinnenkurs zu besuchen. Nicht ohne Herzklopfen schickte ich das dicke Couvert nach Frauenfeld ab.
Etwas überstürzt erfolgte dann meine Abreise, denn nur wenige Tage vor der Aufnahmeprüfung erhielt ich das Aufgebot zu derselben. Der gefürchtete Tag verlief indessen gut. Dann folgten lange Tage, bis endlich die frohe Kunde der Aufnahme eintraf. Der erste Schultag führte mich dann zusammen mit den anderen „Auserwählten“.
Rasch schlossen wir uns einander an, und dann erfolgte das friedliche Zusammenarbeiten, Tag um Tag, in unserm hellen, sonnigen Lehrzimmer. Ganz besonders trugen die gemeinamen Mahlzeiten dazu bei, unseren Verkehr zu vertiefen und uns einander näher zu bringen.

Schöne genussreiche Streifzüge durch Feld und Wald mit unserm Turnlehrer vereinigte uns auch ohne viel Worte. Wir fühlten uns als Ganzes, dem anzugehören wir froh waren.

Nach den Ferien sind wir auch immer gerne zurückgekehrt; mir mangelte immer etwas daheim, der Kreis meiner Mitschülerinnen.

Wir sind alle darüber einig, dass dieses Jahr, das wir miteinander verleben durften, ein schönes Jahr war. Wir haben alle zugenommen, nicht nur an Wissen, sondern auch an Menschenkenntnis und an innerem Leben. Wir werden uns oft und gerne zurückerinnern, wenn wir im Lebenskampfe stehen, an die arbeitsreiche, aber gesegnete Zeit unseres Beisammenseins. Das Leben wird nicht immer so milde mit uns verfahren wie die Schule. Wir werden vor Enttäuschungen nicht bewahrt werden. Wohl uns, wenn wir dann den Mut nicht sinken lassen, sondern treu und unerschrocken unsern Weg gehen, den wir als den richtigen erkannt haben.

Wir dürfen nun Lehrerinnen sein und mitarbeiten am grossen Werk der Erziehung der Jugend. Gebe Gott, dass jede von uns sich des Ernstes ihres Berufes bewusst werde und treu erfunden werde in der Erfüllung ihrer Aufgabe!

(Aus: Deutsche Aufsätze von F.Keller)