Ein schönes Bild

Es ist kein Kunstwerk hinter Glas und Rahmen, das Bild, von dem ich schreiben will. Nein, es stammt nur, als bescheidenes Blatt, aus einer alten Zeitschrift „Die Glocke“.
Als Schulmädchen sah ich das Bild zum ersten Mal. Es machte damals einen tiefen Eindruck auf mich. Das Blatt ging dann scheinbar verloren, ich sah es viele Jahre nicht mehr. Aber vor meinem inneren Auge stand es sofort lebendig und klar, so oft ich daran dachte. Ich wurde aufs freudigste überrascht, als das verloren geglaubte Bild sich auf einmal bei alten Drucksachen wieder fand. Es hat seine Vorzugsstellung noch nicht eingebüsst, trotzdem ich schon viele ähnliche Zeichnungen und Bildnisse gsehen habe. Der Künstler Rudolf Schäfer hat mir’s wirklich angetan mit seinem Werk “ Christi Geburt“. Das Schlichte, Natürliche, das dieses Bild auszeichnet, habe ich immer vermisst bei den andern Weihnachtsgemälden, obwohl gerade in dieser Kategorie von Bildern schon wirklich Schönes, Künstlerisches geschaffen wurde. Es scheint, Rudolf Schäfer habe das Wunder von Bethlehem miterlebt, so lebendig hat er es gestalten können. Er lässt uns hinein sehen in „Bethlehems Stall“. Im Hintergrund desselben ist Heu aufgeschichtet. Die „üblichen“ Tiere fehlen aber. Durch das schadhafte Dach gewahrt man einzelne Sterne, in morgenländischer Klarheit funkelnd. Vom Gebälk hängt eine Laterne, die den vordern Teil des Raumes durchstrahlt, den Hintergrund aber im Halbdunkel lässt. Etwas zurück steht die Krippe mit den schlafendem Jesuskinde.

Wie ein anderes Menschenkindlein liegt es da, die Ärmchen gebogen, die Fäustchen gegen das Köpflein gepresst. Neben dem Kripplein, auf einem sauberen Heulager, ruht Maria, die Mutter. Als schönes, junges Weib hat sie der Künstler dargestellt. Sie hat die Hände im Schoss gefaltet und umfasst mit einem Blick der grössten Liebe ihr schlummerndes Kind. Ich finde es immer wunderbar, wie ein Künstler seinem Werk den seelischen Ausdruck geben kann. In diesem Bilde tritt er besonders stark hervor und gibt ihm das vollendet lebenswahre Gepräge.

Ganz im Vordergrund sehen wir eine geöffnete Türe, durch welche bärtige Gestalten und ein Hirtenknabe mit seinem Stecken eintreten. Josef, ein Mann mit edlem Gesicht, das von einem Vollbart würdig eingerahmt ist, begrüsst die Eintretenden.

Letztere blicken den freundlichen Mann fragend an. „Sind wir hier am rechten Ort? Ist hier das Kindlein, der verheissene Messias, der lang Erwartete, geboren? Wir sahen die Menge der himmlischen Heerscharen, die Gott lobte. Ein Engel in blendender Klarheit verkündete uns: Euch ist heute der Heiland geboren! Nun sind wir gekommen ihn anzubeten.“

Die ganze Weihnachtsgeschichte ersteht vor mir, wenn ich mich in den Anblick dieses Bildes vertiefe. Das ist es wohl auch, was der Schöpfer des Bildes uns zeigen wollte, die tiefe Weihe der Christnacht, vor der er selber anbetend gestanden und die er dann so zum Herzen sprechend wiedergeben konnte.

(Aus: Deutsche Aufsätze von F.Keller)