Was mich in die Fremde lockte

„Wenn ich erst gross bin, dann will ich einmal weit fort!“ So dachte ich schon als kleines Schulmädel. Die unbekannte Welt ausserhalb der Grenzen meines Heimatdorfes hatte für mich schon etwas Anziehendes, Geheimnisvolles. Aus aufgefangenen Aussprüchen von Erwachsenen baute meine Phantasie sich ein Gebilde, das sich Welt nannte. Mit zunehmendem Alter und Verstand verstärkte sich meine Vorstellungskraft. Gleichzeitig wuchs auch die Sehnsucht nach der Ferne.
Ich musste zwar etwas lange mit meinem Vorhaben zurückhalten. Zuerst kam die Lehre, da hiess es still sitzen, wenn gleich draussen der Frühling lockte. Wenn letzterer auch gar verführerisch war, entlockte er mir wohl den heimlichen Seufzer: „Oh! Wie müsste es schön sein, jetzt zu wandern, unter dem lachenden Himmel, frei und sorglos!“
Ganz unverhofft schnell kam dann die Prüfung, und mit ihr den Abschluss meiner Lehrzeit. Nun stand mir ja die Welt offen. Ich hatte mich bereits entschlossen fürs Welschland. Ich wollte französisch lernen. Durch eine Stellenvermittlung wurde ich in das Waadtland platziert. Dasselbst sei mir Gelegenheit geboten, neben der Sprache alle Hausarbeiten zu erlernen.
All mein Sinnen und Denken galt nun der Zukunft. Wie wird es mir gehen, fern vom schützenden Elternhaus? Werde ich es überhaupt ein Jahr aushalten? Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten mich. Dann schlug ich plötzlich wieder alle Zweifel und Bedenken in den Wind und freute mich einfach auf das Kommende.
Der Tag der Abreise kam. Ich nahm Abschied von meinen Lieben, von der Stätte meiner Kindheit und fröhlich zog ich aus. Mein Vater begleitete mich noch bis zur Hauptstadt. Dort bestieg ich mit vier anderen Welschlandgängerinnen den Schnellzug, der uns rasch unserer engern Heimat entführte.
Diese Reise, mitten durch’s liebe Schweizerland war sehr schön und genussreich. Gegen Abend erreichten wir unsern Bestimmungsort. Meine Arbeitgeberin empfing mich am Bahnhof. Dann ging’s durch’s kleine Städtchen, das ein schönes altes Schloss besitzt. Zu Hause angelangt, führte mich meine Begleiterin ein in ihr Heim. Mit gemischten Gefühlen trat ich unter dieses Dach. Was werde ich hier alles erleben und erfahren? Dieses Haus ist mir dann in der Folge lieb geworden, beherbergte es doch Menschen, die mir gut gesinnt waren.
Zwei liebe, kleine Buben, des Hauses Sonnenschein, bereiteten mir viel Freude. Sie vergalten reichlich die Mühe, die sie bereiteten. Der Arbeit verdanke ich es auch, dass ich das Heimweh nicht kennen lernte. Ich durfte glücklich und zufrieden meinen Pflichten obliegen, ohne das mir je durch diese „Krankheit“ die Ausübung derselben erschwert worden wäre. Was das bedeutete, sah ich wohl ein, kannte ich doch junge Mädchen, die unter diesem Weh furchtbar zu leiden hatten. Ich lernte auch die Gabe, eine Heimat zu besitzen, besser schätzen. Die Fremde konnte mir dieselbe nie ersetzen, obwohl ich bei meiner Herrschaft Familienanschluss genoss.
Dieser Aufenthalt unter fremden Menschen war dennoch schön. Es war ein reiches Lehrjahr, das mich stark gefördert hat. Die Fremde hat mich nicht stark enttäuscht, ein bisschen doch, aber ich ginge wieder.

(aus Heft: Deutsche Aufsätze von F.Keller)

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